Die große
Expansion oder Don`t believe the Hype!
In der Zeit von 1996
und 1999 wird neben den im AJZ weiterlaufenden Aktivitäten
der ReinfunkAnationgedanke zu einem Motor für eine ständig
wachsende Szene und immer neuer Projekte, die sich jetzt auch
offensiv außerhalb des Arbeiterinnenjugendzentrums präsentieren.
Zum Beispiel wird im Jahre `96 im AJZ das OWL-Rockt-Projekt ins
Leben gerufen. Ziel der OWL-Rockt Idee war es und ist es auch
noch heute speziell die lokale und regionale künstlerische
Szene zu fördern, und statt wie bisher den Hauptfokus auf
Gruppen und Bands aus anderen Städten zu richten, den lokalen
Gruppen denselben Stellenwert zu geben und so an das gehobene
bundesweite künstlerische Niveau heranzuführen, was
auch in etlichen Fällen von Güthersloh bis Minden und
von Paderborn über Detmold bis Herford gelungen ist. Es wurden
sogenannte OWL-Rockt-Tours organisiert, bei denen immer 30-60
Nachwuchskünstler aus allen gesellschaftlichen Schichten
und Nationalitäten alle künstlerischen HipHop-Disziplinen
präsentierten. In über 30 verschiedenen Events konnten
sie ihr Talent unter Beweis stellen und Jugendszenen in den verschiedensten
Orten und Städten wurde der sonst nicht direkte Zugang zu
einer praktizierten HipHop-Kultur ermöglicht.
Von 1996 bis 1998 veranstaltete man im AJZ sogenannte DJ-Battles.
Hier sammelte sich die regionale Dj-Szene und konnte sich Austauschen
und gegenseitig die künstlerische Qualität überprüfen.
Neben 15 bis 20 agierenden DJ`s kamen zu jeder Veranstaltung immer
400-600 Besucher, ohne dass man Stars als Aufhänger benötigte
oder den bloßen Konsum in den Mittelpunkt stellen musste.
In Zusammenarbeit mit dem Power Sound Studio gründete man
das Streetbeatlabel und veröffentlichte`96 die OWL-Rockt
Compilation auf der alle bis dahin fortgeschrittenen Musikprojekte
präsentiert wurden. Obwohl keine professionellen Promotion-
und Vertriebsstrukturen existierten, stieß die Compilation
bundesweit in der Fachpresse auf hervorragendes Feedback, wurde
in den höchsten Tönen gelobt und ist heute noch begehrtes
Kultobjekt.
Gleichzeitig verabschiedete man sich aber nicht von politischer
Arbeit. Da die öffentlichen Reaktionen auf illegale Graffitiaktivitäten
immer einseitiger wurden, erarbeitete man mit dem Bielefelder
Stadtblatt ein Konzept, um die öffentliche Diskussion zu
diesem Thema auf eine breitere inhaltliche Basis zu stellen. In
Zusammenarbeit mit dem HipHopHamburg e.V. begleitete man mit Erfolg
zahlreiche Graffitiprozesse gegen angeklagte Jugendliche, um Vorverurteilungen
und ungerechtfertigte Urteile, die ein abschreckendes Exempel
für die Öffentlichkeit statuieren sollten, zu verhindern.
Es wurde ein Fond für Graffitiprozesse eingerichtet. Mit
anderen politischen Gruppen wurden die Antirepressionstage ins
Leben gerufen, um mit diesen daraufhin den Antirepressionstopf
zu gründen.
Aus der Kneipe heraus bildete sich das Soundkollektiv "Game
Over Zoundz of Survival ". Da deutschsprachiger Rap zum Mainstream
geworden war, schloss man sich mit Graffitiartists, lokalen Größen
und Gruppen wie Tempo Al Tempo aus Italien und der Schweiz zu
der TranseurohiphopConnection zusammen.
Höhepunkt der Aktivitäten außerhalb des AJZ`s
waren die bundesweit und International vielbeachteten KEEP THE
BEAT- Veranstaltungen im Bielefelder PC 69. Zu den Jam 1998 kamen
über 100 professionelle Künstler und bis zu 2000 Besucher.
Ein Jahr später waren es 1000 Besucher und über 120
internationale Künstler, die bis aus Brasilien, den USA und
Australien angereist waren. Zusätzlich wurden inoffizielle
deutsche Breakdancemeisterschaften das legendäre "B-Boy-Massacker"
im PC auf die Beine gestellt.
Zu jener Zeit waren die Möglichkeiten fast unbegrenzt, den
ReinfunkAnationgedanken nach außen zu tragen. Das führte
allerdings auch dazu, dass die Distanz zum AJZ größer
wurde. Die vielen Projekte und Ideen ließen sich von einer
Gruppe nicht mehr unter einem Hut vereinigen und verselbständigten
sich zunehmend. Zu groß war das Interesse und die Möglichkeiten
gesamtgesellschaftliche Prozesse zu beeinflussen. Aus Zeitgründen
wurde die HipHop-Kneipe aufgegeben und die Kerngruppe der ReinfunkAnationbewegung
zeigte Risse und bröckelte. Da zudem alle Beteiligten ihrem
eigenem Existenzdruck ausgesetzt waren, schwand die Zeit sich
zurückzulehnen, sich als Gruppe zu pflegen, sich immer wieder
neu zu motivieren, um die Kraft aufzubringen, die über die
Jahre immer wiederkehrende Drecksarbeit zu machen.